R4-Happening in Dorfprozelten – ein Super-Event!
Über 160 Fahrzeuge, über 250 Teilnehmer – und jede Menge Diskussionsstoff
Text von Jens F. Meyer
Über 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, mehr als 160 Renault R4: Das vom Renault R4 Club Deutschland organisierte Treffen in Dorfprozelten im unterfränkischen Landkreis Miltenberg hat sich mit dieser Rekordteilnahme zu einem Event gemausert, das die Organisatoren vor große Herausforderungen stellte.
Herausforderungen aber, die das siebenköpfige Kernteam im Vorfeld und rund 80 Helferinnen und Helfer vor Ort grandios meisterten! „Wir sind ins Schwitzen gekommen nicht nur aufgrund der Hitze, sondern weil wir jedem Teilnehmer ein tolles Wochenende bieten wollten“, sagt Wolfgang Ludwig, Mitglied im festen Orga-Team. Dieser Plan ist voll aufgegangen.
Der Renault R4 – ein Auto, das Geschichte schrieb und schreibt. Während die topmoderne E-Variante schon mal gar nicht so erfolglos durch die Gegend britzt, brezeln echte Enthusiasten eben mit ihren (ur)alten „Vierer“ insofern auf, als dass sie ihm Kopfstützen gönnen oder das nach Jahrzehnten bröselig gewordene Rolldach durch ein neues ersetzen, selbst wenn das dann vom Twingo stammt, weil‘s auch passt. Mehr machen viele in aller Regel nicht; kaum Tieferlegungen, nur seltene Veredelungen, die mit dem Original nichts zu tun haben – aber durchaus signifikanter Qualitätserhalt an Karosserie, Motoren und Innenraum. Eigentlich also relativ wenig Bohei um einen Klassiker, dessen subtile Maxime robuster Schlichtheit lebt. Alle Enthusiasten, die nach Dorfprozelten gekommen waren, feierten dort den 65. Geburtstag der automobilen Stil-Ikone.
Dorfprozelten liegt zwischen Stadtprozelten und Collenberg direkt am Main im unterfränkischen Landkreis Miltenberg. Ein Zipfel Bayerns stößt hier nach Hessen. Dorfprozelten ist nicht der Nabel der Welt, aber wenn die europaweite Renault R4-Community ihrer Ikone im französisch-lässigen Savoir-vivre-Stil huldigt, knattern die „Quatrelles“ aus allen Himmelsrichtungen herbei, auch aus Italien, Belgien, Österreich, der Schweiz … Für sie ist der Duft des Benzins und das Wölklein aus schmalem Auspüffchen ein Odeur der Glückseligkeit; kein Mensch würde hier auf die Idee kommen, über Feinstaub zu fabulieren. Können die anderen machen.
Dass Dorfprozelten das Mekka der „Vierer“-Banden ist, hat mit Volker Prinz zu tun. Der kommt aus ebenjener Gegend. Aus einer Handvoll privater R4-Freunde, die sich vor über 15 Jahren das erste Mal trafen, ist nun eine große Community geworden, die die Fahne der „Quatrelle“ hochhält. Mit TLs, GTLs, Safaris und Savanen, mit „Plein Airs“, Fourgonettes F4 und F6 und einigen weiteren Versionen. Angesichts der Tatsache, dass in Deutschland schätzungsweise nur noch 1500 bis 1800 R4s zugelassen sind, kommen in Dorfprozelten vergleichsweise viele Menschen und Autos zusammen. Aus allen Richtungen. Auch in diesem Jahr.
„Dieses Treffen ist ein Muss für alle, die den R4 lieben“, sagt Volker Schubert, der sich im Orga-Team engagiert. Aus Tübingen ist er mit seinem dunkelroten Racker herangerollt; 230 Kilometer sind eigentlich kein Gegner, aber mit R4 geht das unter drei Stunden Fahrt nicht. 34 PS maximal, je nach Baujahr aber auch weniger. Muss man mögen. Andere hatten noch weitaus mehr Strecke zurückgelegt, um zu einem der europaweit größten R4-Treffen zu kommen. Die mit Kennzeichen Kiel und Cuxhaven etwa, deren Vierer die Kasseler Berge ertragen mussten. „Die weiteste Anreise hatte ein Österreicher, der kurz vor der ungarischen Grenze wohnt: über 900 Kilometer“, sagt Wolfgang Ludwig.
Aus St. Vith in Belgien, das ist da, wo die Wallonen wohnen, knödelte Thomas Arimont ostwärts Richtung Prozelten. Für einen Kfz-Meister wie ihn, der den R4 lebt und liebt und dem kein Teil verborgen bleibt, das er nicht reparieren oder ersetzen könnte, ist das hier Pflicht. „La Poste“ steht auf seinem mattgelben R4, der genau genommen ein R3 ist. Dem fehlte das dritte hintere Seitenfenster; dort war ein einfaches Blechpaneel verbaut. Nur 23 PS schlummerten unter der Haube, Anfang der Sechzigerjahre, aber die Post kam auch nicht weniger verlässlich als heutzutage an. „Ich schaue mir an, was es hier an Ersatzteilen gibt“, sagt er. Sein Sohn, weit vom Führerschein entfernt, findet die „Quatrelle“ krass cool.
Aus der Rattenfängerstadt Hameln an der Weser, immerhin auch fast 400 Kilometer entfernt, waren Nora Günther und Peter Schilling mit ihrem weißen 1986er Modell angereist – und absolut begeistert: „Es ist eine wahnsinnig breite Modellvielfalt, die dieses Festival bietet, das ist auch für Kenner der Szene bereichernd und spannend. Außerdem findet man zuverlässig Ersatzteile, knüpft neue Kontakte, hat einen tollen Austausch“, sagt Peter Schilling, dessen GTL jetzt unglaubliche 360.000 Kilometer auf der Uhr hat! So wenig Pferdestärken unter der Haube stecken, so verlässlich ist eben das Aggregat – „und das bei einem GTL“, sagt Peter Schilling; die Varianten mit weniger Hubraum seien eigentlich noch zuverlässiger. Ein Lob für das Orga-Team hat er übrigens auch noch: „Die haben das super gemacht. Es fehlte an nichts, es war alles toll. Wir kommen wieder!“
Musik am Abend, gute Gespräche, dazu die Buchvorstellung „Wo die Wallonen wohnen – Im Renault R4 durch die Wallonie“ von Anke Steinemann und Jens F. Meyer sowie eine lukullische Versorgung, die keine Wünsche offenließ: Das Renault R4-Festival in Dorfprozelten zum 65. Geburtstag des Klassikers mit der Raute machte Freude. Auch solchen Menschen, die gar keinen R4 fahren; und so ließen es sich viele Einwohner aus der Region nicht nehmen, am Straßenrand zu winken oder auch mal aufs Festival-Gelände zu gehen, wo es unten am Ufer des Mains auch einen Zeltplatz gab. Dort zu bestaunen: kleinste Wohnwagen und sogar Dachzelte auf der Quatrelle. Supercool.
Supercool auch die Ausfahrten und schließlich die große Zusammenkunft von 102 Renault R4 (einige hatten den Termin wohl vergessen …) für das „Familienfoto“ aus Drohnensicht. Dazu ging‘s über einen staubigen, löchrigen Feldweg Richtung Wiese, auf dem die „65“ extra schon eingekreidet worden war. Die „Trikolore“-Farben außen herum, die weiteren Modelle in anderen Farben innen – ein Bild für die Geschichte! Der Feldweg? Null Problem: Der R4 ist schließlich ein Ausbund an Zuverlässigkeit – diesen Plan verfolgte Renault schon, als der Prototyp als Antwort auf den beliebten 2 CV von Citroën („Ente“) auf die Räder gestellt worden war. Mitte der Fünfzigerjahre hatten die Planungen Fahrt aufgenommen, Anfang der Sechziger wurden die ersten Quatrelles dann der Presse bei Ausfahrten in der Camargue über unbefestigte Pisten präsentiert, um die Robustheit zu dokumentieren. Renault schwor Schotter, Stock und Stein, dass dieses Auto mehr Leistung, Komfort und Vielseitigkeit bot, als die Ente. Der Plan ging auf und der Aufkleber auf einem R4 in Dorfprozelten spricht Bände: „Der Renault R4 – die bessere Ente.“ Enten-Fahrer sehen das freilich genau andersherum.
Der erste Renault R4 lief am 7. Juli 1961 im Werk auf der Pariser Seine-Insel Île Seguin vom Band. Die Weltpremiere feierte man im September auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt. Die Stilikone mit Frontantrieb – ewiger Konkurrent des VW Käfers und ihm in Sachen Alltagstauglichkeit haushoch überlegen, wenn man bedenkt, dass die Heckklappe ordentlich was schluckt, aber nicht der Motor – feierte in Dorfprozelten ein großartiges Happening mit 163 gemeldeten Autos, die meisten aus Deutschland; das ist schon eine Menge, denn bundesweit sollen kaum mehr als 1800 alte R4 zugelassen sein. Nicht mitgerechnet die, die unter löchrigen Plänen vor sich hinrotten. Zu dieser Spezies zählt auch der 1967er in Weiß mit bernsteinfarbenem Lenkrad und Kugelschaltknauf, ein Übergangsmodell von der ersten in die zweite Serie. Für 620 Euro ist er in Dorfprozelten versteigert worden und wurde am Schlusstag auf einem Anhänger vom Gelände geschleppt. Nicht ausgeschlossen, dass er in fünf Jahren aus Anlass des 70. R4-Geburtstags als fahrtüchtiges Modell mit Nähmaschinensound wieder auftaucht. Schön wär‘s schon.